02.07.2026

KI oder KO? Ein Nachmittag zwischen Mythen, Agenten und echten Erfahrungen

Am 2. Juli 2026 lud commendIT e.V. zum ersten KI-Netzwerk-Event nach Gröbenzell. Die Frage im Raum war eine denkbar direkte: Stellt KI für IT-Dienstleister und B2B-Unternehmen eher eine Chance oder ein Risiko für Ihr Geschäft dar? Fünf Praxisvorträge, eine lebhafte Diskussionsrunde und der Startschuss für eine neue Arbeitsgruppe lieferten Antworten, die ehrlicher und konkreter waren als das, was man auf den üblichen KI-Veranstaltungen zu hören bekommt.

Vom Vibe Coding zum Engineering Management

Tom Krenzke von der SEKAS GmbH eröffnete den Vortragsnachmittag mit einem Erfahrungsbericht, der bei vielen im Raum eine vertraute Kurve beschrieb: erst Begeisterung, dann Ernüchterung, dann Umdenken, dann überraschend positive Ergebnisse. Der Ausgangspunkt war klassisch: Budgetmangel, Kundenwünsche die liegen blieben, jedes neue Feature ein aufwändiges Unterfangen. KI-Unterstützung schien der naheliegende Hebel. Das erste Pilotprojekt, entstand erstaunlich schnell.

Fachwissen, Kundenwünsche und Screenshots wurden direkt in Prompts übersetzt. Die Versuchung war groß, sich mit Popcorn in der Hand zurückzulehnen und der KI beim Vibe Coden zuzuschauen. Das eigentliche Problem zeigte sich erst danach: Die KI beginnt zu "vergessen". Ein Feature, das gestern noch funktioniert hatte, fehlt heute. Der entscheidende Wendepunkt war die Erkenntnis, dass man aufhören muss zu "viben" und anfangen muss zu "engineeren". Die Antwort: ein mehrschichtiges Governance-System, story-basiertes Arbeiten mit klaren Akzeptanzkriterien und einer Definition of Done.

Die neue Rolle des Entwicklers, so Krenzke, ist die des Requirements- und Engineering-Managers: Anforderungen definieren, Architektur vorgeben, Code weitestgehend der KI überlassen -- aber unermüdlich prüfen. "Anweisung ist nicht Absicht. Plausibel ist nicht sauber. Tests grün bedeutet nicht fertig." Drei Sätze, die das Wesentliche auf den Punkt bringen. Die nächsten Schritte gehen hin zu einem Multi-Agenten Ansatz in dem die verschiedenen Rollen in einem Softwareprojekt parallel von mehreren Agenten übernommen werden. Man darf gespannt sein!

Security: Was stimmt, was nicht

Ralf Reinhart von der CYBEReinhardt GmbH widmete sich dem Thema, das in der KI-Debatte regelmäßig zu kurz kommt: Sicherheit. Sein Vortrag "Vibe Hacking für Dummies, Dienste und andere Cyberkriminelle" machte deutlich, dass die gleichen Technologien, die produktive Arbeit beschleunigen, auch Angriffsflächen schaffen. KI-generierter Code wird von Angreifern genauso genutzt wie von Entwicklern. Die Frage ist nicht ob, sondern wie gut man darauf vorbereitet ist.

Wer wissen möchte, wie gut verschiedene KI-Modelle Sicherheitslücken tatsächlich erkennen, findet auf exploitbench.ai einen direkten Vergleich -- ein nützlicher Ausgangspunkt für alle, die KI im sicherheitskritischen Umfeld einsetzen.

Quo vadis, IT-Dienstleister?

Jens Horstmann von der Trevisto AG stellte die strategisch unbequemste Frage des Tages: Was passiert mit dem Geschäftsmodell, wenn KI immer mehr von dem erledigt, wofür IT-Dienstleister bisher bezahlt wurden?

Sein Vortrag skizzierte mehrere Szenarien, vom "autarken Kunden", der KI-gestützt immer mehr selbst löst, bis hin zum "KI-Plattform-Betreiber" und der "Branchen-Boutique", die sich auf spezialisiertes Domänenwissen konzentriert. Die Botschaft war nicht düster, aber unmissverständlich: Einige heutige Geschäftsmodelle werden sich grundlegend ändern, wenn nicht sogar ganz verschwinden. Welche Rolle man in der neuen Landschaft einnimmt, hängt davon ab, wie früh man anfängt, sie zu gestalten. Ein vielversprechender Ansatz für die Zukunft ist die Kombination aus menschlicher Intelligenz unterstützt von der agentischen KI (MIKI).

Die Diskussion im Raum machte deutlich: Es ist nicht ausgemacht, dass KI für IT-Dienstleister negative Folgen haben wird. Aber Best Practices zu entwickeln und die menschliche Expertise in der KI-Nutzung auszubauen bleibt unverzichtbar. Den Trend abzuwarten - darüber waren sich alle einig - wäre fahrlässig.

Kontext ist King: Learnings aus der Ausschreibungsbearbeitung

Christina Karl und Jürgen Bernert von der Avision GmbH berichteten über einen sehr naheliegenden Anwendungsfall: KI-gestützte Bearbeitung (öffentlicher) Ausschreibungen. Avision nutzt KI inzwischen für die Vorauswahl relevanter Ausschreibungen, die Zusammenfassung umfangreicher Unterlagen, die Erstellung von Angebotstexten, Projektplanung, Aufwandsschätzungen und die Generierung von Bieterfragen.

Das zentrale Learning: "KI macht Angebote nicht automatisch schneller - aber deutlich detaillierter." Der Detaillierungsgrad steigt, die fachliche Kontrolle bleibt Pflicht. Halluzinationen und Fehleinschätzungen sind möglich, hoher Zeitaufwand für Prompting und Qualitätssicherung kommt hinzu.

Was dabei besonders deutlich wurde: Das Ergebnis steht und fällt mit der Qualität des Kontexts. Nicht nur die Beschreibung des gewünschten Ergebnisses zählt, sondern auch die professionelle Beschreibung des Vorgehens, der Regeln und der fachlichen Rahmenbedingungen. Kontext ist King - und das gilt nicht nur für Softwareentwicklung (wie im Vortrag von Hr. Krenzke), sondern für jeden Einsatz von (generativer) KI im Unternehmen.

Denkbar ist, dass sich dieser Ansatz weiterentwickelt: Vielleicht wird die Beantwortung einer Ausschreibung künftig bereits die Bereitstellung eines funktionsfähigen Prototyps einschließen.

Massenprozesse auf eigener Infrastruktur

Christian Eich von der WorNet AG schloss die Vortragsreihe mit einem technisch dichten Erfahrungsbericht. WorNet betreibt eine eigene KI-Infrastruktur zur E-Mail-Qualifizierung: Hunderte Mails pro Minute, vollautomatisch analysiert, inklusive Sentiment-Analyse, Brand Impersonation und Phishing-Erkennung - mit einer harten Anforderung von wenigen Sekunden pro Mail.

Der erste Ansatz über große Sprachmodelle war vielversprechend, aber zu langsam: knapp 1 Minute pro Mail. Die Lösung war ein eigenes BERT-Modell, trainiert auf die spezifischen Klassifizierungsaufgaben. Das Ergebnis: KI-Verarbeitungszeit unter 0,2 Sekunden, datenschutzkonform, vollständig auf eigener Infrastruktur betrieben. Ein Praxisbeispiel dafür, dass lokale KI nicht nur möglich ist, sondern in bestimmten Szenarien die einzig sinnvolle Wahl.

Gemeinsam statt allein vor dem Prompt-Fenster

Der Abend endete mit einer Diskussionsrunde, die zeigte, wie viel Praxiswissen im Netzwerk steckt. Auf vielfachen Wunsch wurde im Rahmen des Events die Arbeitsgruppe KI gegründet - ein Format, das den Austausch über Einzelveranstaltungen hinaus verstetigen soll. Denn KI ist kein Tool, das man irgendwo "auch noch" einführt. Sie verändert, wie gearbeitet, entschieden, entwickelt und zusammengearbeitet wird. Das lässt sich besser gestalten, wenn man es gemeinsam tut.

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